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Bericht der Stellenleiterinnen

Terror, blutige Kämpfe und Gewalttaten gehören zum Alltag vieler afghanischer Bürger. In den mehr als dreissig Jahren Krieg, die das Land zerrütteten, sind mindestens 75 Prozent der Bevölkerung einmal in ihrem Leben zu Vertriebenen geworden. Über eine Million Afghaninnen und Afghanen, darunter sehr viele Kinder, sind in ihrem eigenen Land auf der Flucht.

Wir erlebten an unserer Beratungsstelle eine markante Zunahme an Asylsuchenden aus Afghanistan und so führten wir im Berichtsjahr auch am meisten Beratungen mit ihnen.
Der grösste Teil von ihnen gehört der Volksgruppe der Hazara an. Diese sind von Gewalttaten und Vertreibungen am meisten betroffen. Sie stellen etwa ein Fünftel der afghanischen Bevölkerung. Als Schiiten in einem überwiegend sunnitischen Land sind sie seit je als Außenseiter abgestempelt. Sie gelten als fleißig, verrichten aber die niederen Arbeiten. Wegen ihrer asiatischen Gesichtszüge - schmale Augen, flache Nase, breite Wangenknochen - gelten sie als minderwertig. Man erinnert sie oft an ihre Unterlegenheit, viele von ihnen haben dies regelrecht verinnerlicht. Für die Taliban - zumeist ethnische Paschtunen und fundamentalistische Sunniten - sind die Hazara Ungläubige, Tiere, eben anders. Sie sehen nicht wie anständige Afghanen aus und verehren Gott nicht wie anständige Muslime.
Allein zwischen 2008 und Mitte 2014 wurden mehr als 500 Hazaras getötet. Am 23. Juli 2016 ereignete sich eine durch einen Selbstmordattentäter verursachte Explosion inmitten eines Demonstrationszuges der Hazara in Kabul. Die Demonstration richtete sich gegen die Trassenführung einer neuen Hochspannungsleitung, die nach Ansicht der Demonstranten das Siedlungsgebiet der Hazara nicht mitversorgte. Bei dem Bombenanschlag kamen etwa 80 Menschen um und 230 wurden verletzt. Zum Anschlag bekannte sich der sogenannte „Islamische Staat“.
Bei den Asylentscheiden des Staatssekretariats für Migration wird der Angehörigkeit zur Volksgruppe der Hazara ungenügend Rechnung getragen. Eine Rückführung für afghanische Asylsuchende erachtet das Staatssekretariat für Migration wegen der schlechten Sicherheitslage in Afghanistan grundsätzlich als unzumutbar, ausser die betroffene Person verfügt über ein ‚tragfähiges soziales Beziehungsnetz‘ in einer der Grosstädte Kabul, Herat oder Mazar I Sharif. Darunter sind Familienangehörige oder Bekannte zu verstehen, die bei der Rückkehr und Widerintegration wirtschaftliche und soziale Hilfe bieten.
In unserem Beratungsalltag erlebten wir, dass sehr viele Asylsuchende aus Afghanistan negative Asylentscheide erhalten mit der Begründung, dass sie über ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz in einer der oben genannten Städte verfügen. Für die Betroffenen, welche manchmal schon seit ein, zwei oder mehr Jahren in der Schweiz sind, die Sprache gelernt haben und arbeiten, ist dies ein harter Schlag.
Nach dem Studium der Akten und den Aussagen der Betroffenen über ihre Beziehungsnetze in einer der drei Städte zweifeln wir in vielen Fällen, ob sie bei einer Rückkehr tatsächlich ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz vorfinden.  Ohne dieses sind die Rückkehrer auf sich alleine gestellt, ohne Arbeit und ohne Unterkunft müssten sie in Armut und ohne Perspektiven leben.
Es verwundert daher nicht, dass viele abgewiesene afghanische Asylsuchende nicht in ihre, von Armut und Bürgerkrieg heimgesuchte Heimat zurückzukehren, sondern untertauchen und in der Illegalität leben.

Nach sechs Jahre als Leiterin und Beraterin an der Bündner Beratungsstelle für Asylsuchende ging ich Ende November 2016 in Pension. Bedanken möchte ich mich bei unserem Präsidenten Gustav Ott und den Vorstandsmitgliedern für die gute Zusammenarbeit und das mir entgegengebrachte Vertrauen. Auch meinen Kolleginnen und Kollegen von der HEKS Rechtsberatungsstelle SG/AI/AR/TG danke ich für ihre wertvolle Unterstützung.

Magda Burkhard


Mit grosser Freude habe ich die Aufgabe als Leiterin der Bündner Beratungsstelle für Asylsuchende in Chur am 1. Dezember 2016 übernommen. Geboren und aufgewachsen bin ich in Kanada und lebe jetzt seit 1993 im Kanton Graubünden. Nach Abschluss der Schulzeit, habe ich verschiedene Studien in psychosozialen Bereichen absolviert. Den Master of Law habe ich an der Uni Zürich im Teilzeitstudium abgeschlossen.
Die Beratungs- und Vertretungsaufgabe macht mir grosse Freude und ich übernehme sehr gerne die Verantwortung für die Bündner Beratungsstelle für Asylsuchende. Es ist mir ein grosses Anliegen die Rechte der Asylsuchenden zu vertreten und durchzusetzen. Als wichtig erachte ich auch, eine lösungsorientierte Zusammenarbeit mit den verschiedenen Behörden und Stellen. 

Céline Benz